Europa will VAR-Eingriffe reduzieren und Transparenz erhöhen

«Der VAR ist nicht der Heilsbringer des Fussballs» - Blick

VAR-Einsatz in der Kritik

Zehn Jahre nach seiner Einführung sorgt der Video Assistant Referee (VAR) weiterhin für Diskussionen im Fussball. Insbesondere die jüngsten Ereignisse rund um die Weltmeisterschaft in Nordamerika haben die Debatte verstärkt. Der ehemalige Top-Schiedsrichter Urs Meier kritisiert die Entwicklung, dass der VAR immer mehr Kompetenzen erhält, wie die Überprüfung von zweiten Gelben Karten, die zu Platzverweisen führen, oder falsch gegebenen Eckbällen. Meier ist überzeugt, dass die Technik den Einfluss der Schiedsrichter auf das Spiel mindert und der Fussball dadurch nicht gerechter geworden ist.

Die FIFA strebt an, Fehlentscheidungen durch Technologie, einschliesslich Künstlicher Intelligenz (KI), zu minimieren. Meier befürchtet jedoch, dass dies zu einer übermässigen Technisierung führen könnte, bei der selbst Freistösse vor dem Strafraum am Bildschirm überprüft werden. Er betont, dass nur ein Mensch mit Fussballsachverstand und Menschenkenntnis ein Spiel richtig leiten kann. Die anfängliche Hoffnung auf Perfektion durch den Videobeweis, wie sie Pierluigi Collina nach der WM 2018 in Russland äusserte, hat sich laut Meier nicht erfüllt, da der VAR nicht immer zu 100 Prozent funktioniert.

Einheitliche Regeln und weniger Interventionen

Die UEFA plant, den VAR grundlegend zu reformieren und zu seinem ursprünglichen Zweck zurückzukehren. Roberto Rosetti, Schiedsrichterchef der UEFA, stellte die neue Online-Plattform Clear Line vor. Diese Plattform soll die Entscheidungen der Schiedsrichter nachvollziehbarer machen und eine einheitliche Anwendung der Regeln sowie des VAR-Einsatzes in europäischen Ligen und Europapokal-Wettbewerben gewährleisten. Clear Line bietet rund 150 Referenzszenen, die für jedermann auf der UEFA-Webseite einsehbar sind.

Rosetti erklärte, dass der VAR künftig wieder nur bei klaren und offensichtlichen Situationen eingreifen soll. Die Entwicklung hin zu immer mehr Interventionen sei übertrieben gewesen. Die UEFA möchte keine mikroskopischen Eingriffe und betont, dass es nicht um eine zweite Chance für den Schiedsrichter geht, sondern um die Korrektur von klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen. Die Dauer von VAR-Überprüfungen bereitet Rosetti Sorgen, da jede Überprüfung, die länger als 90 Sekunden dauert, das Risiko birgt, an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Fifa und Schiedsrichter gehen in die Gegenoffensive
Fifa und Schiedsrichter gehen in die Gegenoffensive Credit: blick.ch

Auch der Schweizer Fussballverband (SFV) orientiert sich an den Richtlinien der UEFA, um eine konsistente Umsetzung der Regeln in europäischen Wettbewerben zu unterstützen. Dani Wermelinger, Leiter des Ressorts Spitzenschiedsrichter im SFV, betont, dass der VAR in der Super League in dieser Saison weniger zum Einsatz kommen soll als in der Vergangenheit. Ziel ist es, dass der VAR nur dann interveniert, wenn klare und offensichtliche Fehler verhindert werden können.

Fokus auf Schiedsrichterkompetenz

Die unterschiedlichen Regelauslegungen in den Ligen sind für Meier schwer nachvollziehbar. Er verweist auf den Fall Embolo bei der letzten Weltmeisterschaft, bei dem das International Football Association Board (Ifab), die Regelhüter des Fussballs, eine Woche nach dem Turnier wegen einer falschen Regelauslegung korrigierend eingreifen musste. Meier kritisiert, dass die Regeln bei der WM nicht sauber umgesetzt wurden und es 100 Spiele dauerte, bis man die Fehler erkannte.

Die Stärke des Fussballs lag laut Meier immer in seiner universellen Regelauslegung. Er sieht es als verwirrend an, wenn in verschiedenen Ligen unterschiedliche Massstäbe angelegt werden. Die UEFA hat mit Clear Line eine Videobibliothek erstellt, die über 150 Ausschnitte aus echten Spielen enthält, um Schiedsrichtern, Fans, Spielern und Trainern ein besseres Verständnis für den korrekten VAR-Einsatz zu vermitteln. Diese Bibliothek ist in fünf Kategorien unterteilt: Elfmeterschiessen, rote Karten, Angriffsvergehen, sachliche Entscheidungen und Identitätsverwechslungen.

Meier begrüsst die neue Zurückhaltung beim VAR-Einsatz, da der VAR sonst ständig auf der Suche nach Fehlern sei. Er betont, dass Technologien wie die Torlinientechnologie hervorragend funktionieren, da sie klare Sachverhalte betreffen. Bei Fouls oder Handspielen, wo die Absicht eines Teams oder Spielers erkannt werden muss, sei jedoch wieder vermehrt der Fussballsachverstand und die Menschenkenntnis der Schiedsrichter gefragt. Diese Aspekte seien zuletzt vernachlässigt worden. Der SFV kommuniziert Regeländerungen den Klubs der SFL jeweils vor Beginn der Saison und der Rückrunde.

«Die europäische Regelauslegung ist korrekter»
«Die europäische Regelauslegung ist korrekter» Credit: blick.ch

Die Einführung von Clear Line soll auch dazu beitragen, die Fehlwirkungen des VAR in der Champions League, Europa League und anderen UEFA-Wettbewerben zu reduzieren. Die neue Fussballsaison steht kurz bevor, und die UEFA hat das klare Ziel, dass der VAR nur bei absolut notwendigen und klaren Fehlern eingesetzt wird, um extremen Interventionismus zu vermeiden, der zur Unbeliebtheit des Instruments bei den Fans beigetragen hat. Die Videobibliothek soll als klare Richtlinie dienen, was für VAR-Interventionen geeignet ist und was nicht, wie Roberto Rosetti den Medien erklärte.

Source: blick.ch

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fussball, Super League und internationale Wettbewerbe.