Birmingham: Audrey Werro gewinnt EM-Gold über 800 Meter nach Sturz im Halbfinal

So fieberte Werros Familie bei ihrem Gold-Coup mit - Blick

Audrey Werro aus Freiburg hat bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Birmingham die Goldmedaille über 800 Meter gewonnen. Die 22-jährige Athletin zeigte eine überragende Leistung, nachdem sie im Halbfinal gestürzt war und sich dennoch für den Final qualifizieren konnte.

Werro stellte im Final einen neuen Meisterschaftsrekord von 1:54,81 Minuten auf. Sie setzte sich gegen starke Konkurrenz durch, darunter die Olympiasiegerin Keely Hodgkinson aus Grossbritannien, die Silber gewann, und Femke Broeders-Bol aus den Niederlanden, die Bronze holte. Hodgkinson lag 0,20 Sekunden hinter Werro, während Broeders-Bol einen Rückstand von 0,73 Sekunden hatte. Für Werro ist dies der erste Elite-Titel unter freiem Himmel.

Familie und Fans feiern den Erfolg

Nach dem Gold-Coup von Audrey Werro herrschte im Lager der Freiburgerin grosse Freude. Rund eine Stunde nach dem Rennen traf die frisch gekürte Europameisterin ihren Fanklub vor dem Alexander Stadium. Die Szenen erinnerten an eine Meisterfeier im Fussball, mit einem grossen Pulk singender und hüpfender Fans.

Fast die gesamte Familie Werro war vor Ort, um Audrey zu unterstützen, darunter ihre Mutter Philomène, ihr Vater Claude und ihre Brüder Ryan und Arno. Lediglich Schwester Carole konnte berufsbedingt nicht anreisen. Die Familie zeigte sich erleichtert und überglücklich nach den ereignisreichen Tagen.

Fans feiern Europameisterin Werro
Fans feiern Europameisterin Werro Credit: blick.ch

Mutter Philomène äusserte sich nach dem Sieg: „Nun bin ich einfach nur immens stolz auf meine Tochter. Ich konnte in der letzten Nacht kaum ein Auge zumachen. Ich fragte mich immer wieder: Warum musste sie stürzen? Warum gerade sie? Dass sie nun Gold gewonnen hat, ist meiner Meinung nach pure Gerechtigkeit.“ Auch Vater Claude zeigte sich erleichtert und beschrieb die Emotionen als „unbeschreiblich“. Er fügte hinzu: „Wir schweben gerade auf einer Glückswolke.“

Die Familie hatte spezielle Kleidung aus der Elfenbeinküste, der Heimat von Mutter Philomène, mit nach Birmingham gebracht. Diese traditionellen Gewänder mit typischen Mustern und Bildern von Audrey darauf wurden extra für dieses Jahr angefertigt und fielen im Fan-Tross auf.

Herausforderungen vor dem Final

Die Vorzeichen für Werro waren nicht optimal. Am Vortag des Finals war sie im Halbfinal heftig gestürzt. Trotz des Sturzes und der ungünstigen Startposition auf der Aussenbahn im Final liess sich die Schweizerin nicht beirren. Vater Claude gab an, dass die Ereignisse vor dem Final, einschliesslich des Sturzes und der mentalen Vorbereitung auf den Showdown mit der britischen Mitfavoritin Hodgkinson, nicht einfach zu handhaben waren. Es gab auch Stimmen, die Werros Weiterkommen nach dem Sturz in Frage stellten.

Um sich vor negativen Einflüssen zu schützen, hatte Werro sogar die Instagram-App auf ihrem Handy gelöscht. Dies alles war nach dem Gewinn der Goldmedaille jedoch vergessen. Werros Manager Julien Nuoffer bezeichnete die Leistung seiner Athletin als „etwas Wahnsinniges“ und ein „tolles Ergebnis“ für Audrey, ihre Familie, das Team und die gesamte Schweiz.

Werro über Gegenwind vor EM-Final
Werro über Gegenwind vor EM-Final Credit: blick.ch

Im Final setzte sich Werro trotz ihrer ungünstigen Startposition früh an die Spitze und hielt das Tempo hoch. Nach 400 Metern kämpfte noch ein Quartett um Gold, darunter Hodgkinson, Broeders-Bol und Jemma Reekie aus Grossbritannien. Werro konnte ihre Führung jedoch behaupten und liess sich auch von Hodgkinson, die sie am längsten bedrängte, nicht einholen.

Der Triumph von Werro war auch aus Schweizer Sicht historisch, da mit Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo zwei weitere Schweizerinnen im 10-köpfigen Finalfeld standen. Ein Schweizer Trio in einem EM-Endlauf hatte es zuvor noch nie gegeben. Rosamilia belegte den 7. Platz mit einer Zeit von 1:59,42 Minuten, während Vancardo den 8. Platz mit 2:00,17 Minuten erreichte. Die Schweizer Delegation in Birmingham hat nun insgesamt 3 Goldmedaillen, 1 Silbermedaille und 1 Bronzemedaille.

Nach dem Rennen deutete Vater Claude an, dass die Familie eine lange Nacht haben würde, da der Heimflug in die Schweiz bereits um 6 Uhr morgens anstand. Er erwähnte auch, dass weitere Feierlichkeiten in der Heimat und nach dem Ende der Saison geplant seien, wenn alle wichtigen Rennen abgeschlossen sind.

In den kommenden Wochen wird der Fokus der Leichtathletik-Welt weiterhin auf dem Duell zwischen Werro und Hodgkinson liegen. Beide Athletinnen streben an, den ältesten noch bestehenden Weltrekord über 800 Meter aus dem Jahr 1983, aufgestellt von Jarmila Kratochvilova mit 1:53,28 Minuten, zu brechen. Claude Werro blickt optimistisch in die Zukunft und sagte: „Wir werden sehen, wann es so weit ist. Ob schon dieses Jahr oder erst nächste Saison.“

Werro krallt sich EM-Titel mit historischer Zeit
Werro krallt sich EM-Titel mit historischer Zeit Credit: blick.ch

Source: blick.ch

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fussball, Super League und internationale Wettbewerbe.