Salzburg: Hermann Maier entging nach Motorradunfall knapp einer Amputation

«Nicht anrühren, sonst verblutet er»: So knapp entging Hermann Maier der Amputation

Am 24. August 2001 ereignete sich in Obertauern, Salzburg, ein schwerer Motorradunfall, bei dem die Skilegende Hermann Maier beinahe sein rechtes Bein verloren hätte. Ein deutscher Tourist übersah den damals 28-Jährigen mit seinem Auto, woraufhin Maier ausweichen musste und im Strassengraben landete. Die Folgen waren ein offener Unterschenkelbruch am rechten Bein sowie schwere Prellungen und Quetschungen.

Die Stunden nach dem Unfall waren kritisch, da es nicht nur um die Rettung von Maiers Bein, sondern auch um sein Überleben ging. Artur Trost, Maiers damaliger Leibarzt, erinnerte sich 25 Jahre später an die dramatischen Szenen. Maier spürte seine Beine nicht mehr, und in der Klinik wurden schwerste innere Blutungen festgestellt. Die Situation war so ernst, dass die Anweisung lautete: «Nicht anrühren, sonst verblutet er.»

Kampf um das Bein und die Karriere

Die massiven Blutungen hatten einen wichtigen Nerv in Maiers Bein nach vorne verschoben. Die Lage war derart kritisch, dass Trost sogar erwog, das Leistenband zu durchtrennen. Ein solcher Eingriff hätte jedoch das Risiko eines vorzeitigen Endes von Maiers Skikarriere bedeutet. Die Ärzte entschieden sich vorerst gegen eine Operation und setzten auf eine medikamentöse Behandlung, was für Maier eine der schwierigsten Phasen seines Lebens einleitete.

Am Tag nach dem Unfall fragte Trost seinen Patienten, ob er sein Bein besser spüren könne. Maier antwortete mit «ja», was sich später als unwahr herausstellte. Der Ski-Star hatte gelogen, da er alles daransetzen wollte, seine Karriere nicht aufgeben zu müssen. Dieser aussergewöhnliche Wille wurde belohnt, denn die Ärzte konnten sein Bein retten und ermöglichten damit eines der grössten Comebacks in der Sportgeschichte.

Heini Bergmüller, der damalige Olympiastützpunkt-Chef, erinnerte sich ebenfalls an die dramatischen Stunden nach dem Unfall. Er erfuhr von Maiers Unfall durch den Arzt Harald Aufmesser, dessen Privatklinik sich in der Nähe der Unfallstelle befand. Trotz der Schwere der Verletzungen schmiedeten Bergmüller und sein Team bereits kurz nach dem Unfall Comeback-Pläne. Sie dachten sogar an die Olympischen Spiele, die fünf Monate später in Salt Lake City stattfinden sollten.

Bergmüller beschrieb, wie Maier auf der Intensivstation lag und sie gemeinsam Comeback-Pläne schmiedeten. Er organisierte einen Handkurbel-Ergometer aus Deutschland, mit dem Maier sofort nach der Verlegung von der Intensiv- auf die Normalstation täglich trainierte. Obwohl die Sinnhaftigkeit dieses frühen Trainings im Nachhinein hinterfragt wurde, war es für Maiers mentale Stärke unglaublich wichtig.

Das unglaubliche Comeback

Nur 521 Tage nach seinem schweren Unfall kehrte Hermann Maier an die Spitze des Skisports zurück. Am 27. Januar 2003 gewann er den Super-G in Kitzbühel. Dieser Sieg war für den Österreicher weit mehr als ein gewöhnlicher Triumph; er bezeichnete ihn als seinen «grössten Sieg». Maier erklärte später, der Unfall sei ein Zeichen von oben gewesen, dass auch er Grenzen habe.

Hermann Maier beim legendären Super-G-Sieg am 27. Jänner 2001.
Hermann Maier beim legendären Super-G-Sieg am 27. Jänner 2001.© gepa Credit: oe24.at

Zwei Jahre später setzte der «Herminator» seine Erfolgsgeschichte fort. Bei der Weltmeisterschaft 2005 in Bormio holte er erneut Gold im Riesenslalom. Insgesamt entschied Maier 54 Weltcup-Rennen für sich und gewann viermal den Gesamtweltcup. Seine Laufbahn zählt damit zu den erfolgreichsten im alpinen Skisport, und sein Kampfgeist nach dem Unfall dient noch heute vielen Verletzten als Vorbild.

Bergmüller betonte, wie schwer Maier tatsächlich verletzt war. Das rechte Bein hing nur noch an wenigen Fäden, und Einblutungen im Becken hatten die Nerven im Fuss so stark geschädigt, dass die Bewegungsfreiheit bis heute nicht vollständig wiederhergestellt ist. Die Operation war nur ein Teil des Erfolgs; die Zeit danach war entscheidend. Bergmüller sprach von der «Sport-Reha des Jahrhunderts», die nur durch das Engagement von Personen wie Physiotherapeut Vincent Vermeulen und Maiers aktive Mitarbeit möglich war.

Die Geschichte von Maiers Comeback ist auch 25 Jahre später noch unglaublich. Sein Sieg in Kitzbühel, der erneute Weltmeistertitel und der Gewinn des Gesamtweltcups nach diesen schweren Verletzungen sind bemerkenswert. Bergmüller berichtete, dass sich noch heute Menschen bei ihm melden und erzählen, wie Hermann Maier ihnen als Vorbild geholfen hat, nach einer schweren Verletzung zurückzukommen. Das letzte Telefongespräch zwischen Bergmüller und Maier fand vor drei Wochen statt, wobei es um private Angelegenheiten ging.

Bergmüller mit Maier beim Reha-Training.
Bergmüller mit Maier beim Reha-Training.© gepa Credit: oe24.at

Source: 20min.ch

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fussball, Super League und internationale Wettbewerbe.