Birmingham: Audrey Werro gewinnt EM-Gold über 800 Meter

Werro krallt sich EM-Gold mit historischer Zeit - Blick

Die Freiburgerin Audrey Werro hat bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham die Goldmedaille über 800 Meter gewonnen. Die 22-jährige Athletin setzte sich in einem packenden Finale gegen die britische Lokalmatadorin Keely Hodgkinson durch und stellte dabei einen neuen EM-Rekord auf.

Werro erreichte das Ziel in 1:54,81 Minuten, womit sie den bisherigen EM-Rekord aus dem Jahr 1982 verbesserte. Hodgkinson belegte mit 1:55,01 Minuten den zweiten Platz, während Femke Broeders-Bol aus den Niederlanden mit 1:55,54 Minuten Dritte wurde. Der Sieg markiert den ersten grossen Titel für Werro in ihrer Karriere und ist die fünfte Medaille für die Schweiz bei diesen Europameisterschaften.

Triumph nach dramatischem Halbfinale

Der Goldlauf von Werro ist besonders bemerkenswert, da er nur einen Tag nach einem Sturz im Halbfinale erfolgte. Am Donnerstag war sie in der letzten Kurve des 800-Meter-Halbfinals in Führung liegend gestürzt und hart auf dem Boden aufgeprallt. Obwohl sie kurz liegen blieb, rappelte sie sich wieder auf und beendete das Rennen. Eine Jury-Entscheidung, die auf eine Berührung durch die Französin Anaïs Bourgoin hinwies, ermöglichte ihr die Teilnahme am Finale.

Die letzten 24 Stunden waren mental anspruchsvoll für Werro, wie sie nach dem Rennen gegenüber SRF äusserte. Trotz Schürfwunden an Knie und Hüfte zeigte sie im Finale eine beeindruckende Leistung und bewies, dass sie den Schock des Sturzes überwunden hatte. Ihr Vater bezeichnet sie als «Löwin», und ihre mentale Stärke wurde von vielen Beobachtern hervorgehoben.

Im Finale übernahm Werro nach etwa 300 Metern die Führung und gab diese bis ins Ziel nicht mehr ab. Jedes Mal, wenn Hodgkinson versuchte aufzuholen oder zu überholen, beschleunigte Werro erneut. Dies zeugt von ihrer souveränen und abgeklärten Renntaktik. Nach dem Rennen erklärte Werro, dass sie auf den letzten 100 Metern an all die harten Trainingseinheiten und die Opfer gedacht habe, die sie für diesen Moment erbracht hatte. Ihr anfängliches Zögern beim Jubel führte sie auf die Überraschung über den Erfolg zurück.

Höhepunkt einer starken Saison

Die Goldmedaille in Birmingham krönt eine bereits herausragende Saison für Audrey Werro. Im März gewann sie bei der Hallen-WM in Torun, Polen, die Silbermedaille über 800 Meter, ebenfalls hinter Keely Hodgkinson. Anschliessend zeigte sie starke Leistungen in der Diamond League.

Dazu gehörte ein Sieg in Rabat, Marokko, und eine bemerkenswerte Performance in Stockholm, wo sie Hodgkinson erstmals besiegte und damit internationale Aufmerksamkeit erregte. Ende Juni lief sie in Paris mit 1:53,80 Minuten die drittschnellste Frauenzeit überhaupt über 800 Meter. Diese Zeit liegt nur etwa eine halbe Sekunde über dem 43 Jahre alten Weltrekord.

Werros Entwicklung in diesem Jahr war bemerkenswert. Ihr Sprung von 1:55,91 Minuten auf 1:53,80 Minuten wurde als Schock wahrgenommen. Abgesehen vom Halbfinale bei den Europameisterschaften, wo sie stürzte, beendete sie jedes Rennen in dieser Outdoor-Saison als Erste. Dies gab ihr grosses Selbstvertrauen für die Titelkämpfe in Birmingham, obwohl sie stets betonte, dass ihr Ziel eine Medaille sei, unabhängig von der Farbe.

Bedeutung für die Konkurrenz und Zukunftsaussichten

Für Keely Hodgkinson, die Olympiasiegerin und Hallen-Weltrekordhalterin, war die Niederlage in ihrer Heimat eine bittere Erfahrung. Sie hatte die unerwartete Konkurrenz durch Werro zunächst als Motivationsschub gesehen, um nicht nachzulassen. Die Tatsache, dass Werro ihr jedoch bei den Titelkämpfen in Birmingham die Show stahl, entsprach nicht ihren Vorstellungen. Hodgkinson, die die vergangenen drei Europameisterschaften gewonnen hatte, sprach nach dem Rennen von gemischten Gefühlen und betonte, dass sie nichts falsch gemacht habe, es aber einfach nicht sein sollte.

Die drittplatzierte Femke Broeders-Bol hatte erst in dieser Saison von den 400 Meter Hürden auf die 800 Meter gewechselt und sich schnell an der Weltspitze etabliert. Ihre Leistungen in diesem Jahr haben sowohl Fans als auch Experten beeindruckt. Ihre Bestleistung liegt bei 1:55,60 Minuten.

Nach dem Abschluss der Europameisterschaften rückt nun der Weltrekord wieder in den Fokus. Die 800 Meter der Frauen werden voraussichtlich bei der Athletissima in Lausanne am kommenden Freitag und bei Weltklasse Zürich am Donnerstag darauf die Höhepunkte der Abende sein.

Source: blick.ch

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fussball, Super League und internationale Wettbewerbe.