Birmingham: Werro und Hodgkinson bereiten sich auf 800-m-Finale vor

Das Duell Audrey Werro gegen Keely Hodgkinson über 800 m wird das Rennen der Leichtathletik-EM - NZZ – Neue Zürcher Zeitung

Spannung vor dem 800-m-Finale

Das Duell zwischen der Schweizerin Audrey Werro und der Britin Keely Hodgkinson über 800 Meter wird als Höhepunkt der Leichtathletik-EM in Birmingham erwartet. Beide Athletinnen müssen zunächst die Halbfinals am Donnerstag überstehen, um am Freitag im Finale anzutreten. Die Situation unterscheidet sich von früheren Europameisterschaften, bei denen Hodgkinson mit einer deutlich besseren Bestzeit antrat.

Werro hat sich in dieser Saison als starke Konkurrentin etabliert. Bei einem Diamond-League-Meeting in Stockholm überholte sie Hodgkinson und erzielte eine Zeit von 1:53,98 Minuten. Diese Leistung überraschte die Leichtathletikwelt. Nur zwei Frauen in den frühen 1980er Jahren waren schneller, wobei Doping in dieser Ära eine Rolle spielte. Der Weltrekord von 1:53,28, aufgestellt 1983 von Jarmila Kratochvilova aus der damaligen Tschechoslowakei, bleibt bestehen.

Hodgkinson, die bereits Olympiasiegerin und Hallen-Weltrekordhalterin ist, hatte vor dem Rennen in Stockholm noch keine Gedanken an die Konkurrenz verschwendet. Sie beschrieb ihre Einstellung vor den Spielen als furchtlos und auf Spass ausgerichtet. Nach den Olympischen Spielen 2021 in Tokio etablierte sie sich als dominierende Athletin über 800 Meter, gewann viermal bei Europameisterschaften zwischen 2021 und 2024 und brach im Februar den Indoor-Weltrekord.

Nach dem Rennen in Stockholm, bei dem Werro sie übertraf, zeigte sich Hodgkinson beeindruckt von Werros Leistung. Sie betonte jedoch, dass sich dies nicht wiederholen werde. Seit diesem Aufeinandertreffen haben die beiden Athletinnen nicht mehr direkt gegeneinander bestritten.

Werros Form und Hodgkinsons Herausforderungen

Nach Stockholm setzte Werro ihre starke Form fort und verbesserte ihre Zeit Ende Juni in Paris auf 1:53,80 Minuten. Drei der acht schnellsten jemals gelaufenen 800-Meter-Zeiten stammen nun von Werro. Ein Wettanbieter sieht Werro im Vorteil. Im Juli zog sich die Athletin in ein Höhentrainingslager in St. Moritz zurück, um sich auf die kommenden Wettkämpfe vorzubereiten und dem Trubel der letzten Monate zu entfliehen.

Werro, die sich selbst als ruhig und zurückhaltend beschreibt, spürt den externen Druck, eine Goldmedaille zu gewinnen, bleibt aber auf eine Medaille jeglicher Farbe fokussiert. Bei den Schweizer Meisterschaften Ende Juli absolvierte sie einen Belastungstest, indem sie Vorläufe über 800 Meter und 400 Meter sowie das 800-Meter-Finale an aufeinanderfolgenden Tagen bestritt. Dies war eine Vorbereitung auf das Format in Birmingham, wo Halbfinale und Finale ebenfalls an zwei aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden.

Hodgkinsons Vorbereitung verlief weniger reibungslos. Vor einem Diamond-League-Rennen in Eugene Anfang Juli stolperte sie im Training und zog sich Fleischwunden zu. Obwohl sie die geplanten Rennen im Juli bestritt, war eine Zeit nahe dem Weltrekord aufgrund der Schmerzen nicht möglich. Trotzdem stellte Hodgkinson in Birmingham klar, dass ihre Gegnerinnen sich keine falschen Hoffnungen machen sollten, da ihr Training nicht beeinträchtigt gewesen sei und sie wieder in Form sei.

Hodgkinson reflektierte über das Rennen in Stockholm und betonte, dass sie es nicht als Niederlage betrachte. Sie erinnerte daran, dass es ihr erstes Saisonrennen war, ein britischer Rekord und ihre persönliche Bestzeit. Damals lief sie 1:54,33 Minuten, die siebtschnellste Zeit der Geschichte. Die Vorläufe der EM zeigten das hohe Niveau der Disziplin, mit vier Athletinnen, die Zeiten unter 1:57 Minuten erzielten.

Taktische Überlegungen und weitere Konkurrentinnen

Die beiden Spitzenläuferinnen treiben das Niveau in der Disziplin an, was zu nationalen Rekorden und persönlichen Bestzeiten bei anderen Athletinnen führt. Eine weitere bemerkenswerte Athletin ist Femke Broeders-Bol, die ehemalige 400-Meter-Hürden-Weltmeisterin aus den Niederlanden. Sie wechselte erst in dieser Saison auf die 800 Meter und lief bereits 1:55,60 Minuten. Ihr Trainer, Laurent Meuwly, glaubt, dass sie ihren Respekt vor den anderen Athletinnen ablegen wird, da sie nicht unter dem gleichen Zugzwang steht, wenn Hodgkinson und Werro das Rennen schnell gestalten.

Werro bevorzugt es, das Rennen von vorne zu laufen, ist sich aber bewusst, dass dies bei der EM nicht immer die klügste Taktik ist. Ihre Trainerin, Christiane Berset Nuoffer, bestätigt Werros Präferenz für schnelle Rennen an der Spitze, da dies ihrer Siegermentalität entspricht. Hodgkinson ist ebenfalls an schnelle Rennen und die Rolle der Favoritin gewöhnt.

Ein weiterer Schweizer Athlet, Timothé Mumenthaler, hat an der Leichtathletik-EM in Birmingham den Vorlauf über 100 Meter souverän gemeistert. Der 23-jährige Schweizer wurde in 10,44 Sekunden Zweiter seines Heats und qualifizierte sich für den Halbfinal. Mumenthaler, der 2024 in Rom Überraschungs-Europameister über 200 Meter wurde, zeigte sich erfreut über seine EM-Premiere über 100 Meter.

Werro hat in ihrer Karriere eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Bereits mit 18 Jahren gewann sie bei den U20-Weltmeisterschaften 2022 in Cali eine Silbermedaille und blieb erstmals unter zwei Minuten. Im Jahr zuvor wurde sie in Tallinn U20-Europameisterin. Trotz einiger Rückschläge in der Elite-Kategorie, darunter das Verpassen der Halbfinals bei ihren ersten drei grossen Freiluft-Veranstaltungen und ein Sturz im Finale der Hallen-EM in Apeldoorn, erreichte sie im März bei der Hallen-WM in Torun eine Silbermedaille hinter Hodgkinson.

Dieser Erfolg scheint Werro beflügelt zu haben, da sie seitdem im Freien ungeschlagen ist und Hodgkinson in Stockholm besiegte. Ihre Bestzeit im Jahr 2024 lag noch bei 1:57,76 Minuten. Die Halbfinals der 800 Meter finden am Donnerstag kurz nach Mittag statt.

Source: nzz.ch

Sportredakteur mit Schwerpunkt Fussball, Super League und internationale Wettbewerbe.